Zwei Schritte vor. Zwei zurück.

Zwei Schritte vor. Zwei zurück.

Wochen und Monate zieht sich Corona jetzt schon durch unser Leben. Wie schnell das Surreale das neue Normale wird, wie schnell wir uns an Dinge gewöhnen und uns von anderen entwöhnen ist irgendwie verrückt. Diese Feature-Reihe ist meine private Zeitreise. Nach hinten. Nach vorne. Ins Jetzt.

Dies ist Teil 1 & 2 davon.


Vor zwei Monaten

12. März 2020: Eine neue Realität zieht in unser AirBnB ein

P. und ich sitzen auf der Couch unseres AirBnBs. Wir sind in Campeche, einer kleinen (gar nicht mal so spannenden) Stadt auf der Halbinsel Yucatán. Es ist heiß und schwül. Die Klimaanlage funktioniert nur im Schlafzimmer. Wir sitzen vorne im stickigen Wohnzimmer: das Wlan ist dort besser. Ein langsamer Ventilator mischt die Luft, statt sie zu kühlen. Seit mehreren Stunden – ach was soll‘s, eigentlich schon den ganzen Tag – sitzen wir auf der Couch und starren in unsere Smartphones. Mein Flug zurück nachhause geht in drei Tagen. Theoretisch. Jetzt überschlagen sich News-Apps, mein Facebook-Feed und alle meine privaten Messenger gleichzeitig nur so vor panischen Nachrichten. Dieses Corona, von dem wir irgendwie die letzten Wochen schon immer wieder mal was gehört hatten, scheint sich verselbständigt zu haben. Eine Woche früher hat mir meine Mutter eine Sprachnachricht geschickt. Mich gefragt, ob ich noch mehr Infos zu Corona haben möchte gerade. Während meiner Reise würde ich das wahrscheinlich gerade nicht so mitverfolgen. Meine Antwort: „Das ist doch nur so eine Medienhysterie gerade. Die Grippe ist doch viel schlimmer.“ Der mexikanische Taxifahrer vor zwei Tagen meinte zu mir: „Zum Glück gibt‘s hier nicht so viele Chinesen. Aber wir Mexikaner kriegen das auch nicht. Es ist viel zu heiß hier. Und außerdem haben wir ja auch das Gegenmittel: Tequila.“ Weder ich noch der Taxifahrer hatten wohl Recht. Deswegen sitzen wir jetzt hier auf der Couch. Und lesen im Minutentakt alle neuen Nachrichten. P. muss seine kanadische Krankenversicherung verlängern, weil er wegen mir einen Flug zwei Wochen später als geplant gebucht hat. Er hängt jetzt seit drei Stunden in der Warteschleife der Hotline. Alle rufen an wegen Corona. Und während ich mir noch denke: „Oh ne, nicht dass ich meine Geburtstagsparty zum Dreißigsten die Woche drauf absagen muss“, kriecht so langsam das Gefühl in den Nacken, dass das vielleicht eine längere Geschichte werden könnte. Sich richtig viel verändern wird in nächster Zeit. Und richtig: ab da geht alles ganz schnell.

Fast forward auf der Corona-Lane

Wir lesen die folgenden Tage ununterbrochen Nachrichten. Schulen werden geschlossen. Bars und Restaurants machen dicht. Mir wird klar, ich werde P. nicht im Frühsommer wieder sehen. Wir haben uns auf der Reise kennengelernt und waren die letzten vier Wochen Tag und Nacht zusammen. Schon unter normalen Umständen wäre die Trennung nach einer so intensiven Zeit heftig. Unter den Vorzeichen einer heranrauschenden Pandemie erscheint uns das Ende unserer Reise wie ein Abschied für immer. Eigentlich war der Plan, wie wir uns wiedersehen schon gefasst: er wollte im Juni an einem Projekt in Spanien arbeiten für ein paar Monate, für mich von Berlin aus nur ein kurzer Flug – normalerweise.

 Aber ich habe langsam das Gefühl, wenn ich jetzt nach Deutschland einreise, werde ich sehr lange nicht mehr dort rauskommen. Doch auf eine mexikanische Insel? Und die paar Wochen dort verbringen? Aber wer weiß, wie lange das dauert. Dann doch lieber zuhause sein. Ab da fange ich fast stündlich an zu gucken, ob mein Rückflug schon gecancelled wurde.

Vor acht Wochen

17. März 2020: Von der absoluten Reisefreiheit in die Kontaktsperre

Seit einem Tag bin ich jetzt zurück. Kulturschock par excellence. Ich kenne dieses Gefühl nach längeren Auslandsaufenthalten, alles erscheint grau, steril und still. Jetzt ist es noch grauer, steriler und stiller als sonst. Die letzten Tage in Mexiko waren mehr als komisch. Abschiedsschmerz, Angst, Unsicherheit, viel zu viel Social Media und das letzte Lass-es-uns-noch-genießen-solange-es-geht-Aufbäumen haben eine interessante Mischung ergeben. Jetzt sitze ich wieder in Berlin-Kreuzberg. Leichter Jetlag. Große Verwirrung. Zwei Freunde haben mich vom Flughafen abgeholt. Es war so schön sie wiederzusehen. Wir haben uns einfach umarmt. Schließlich haben wir uns seit drei Monaten nicht mehr gesehen. Diese Umarmung wird meine Unsicherheit in den nächsten Wochen antreiben. Ich fühle mich auch direkt schon krank. Kommt das von der Klimaanlage im Flieger? Muss ja psychosomatisch sein, oder? Obwohl keiner am Flughafen kontrolliert hat. Niemand hat Fieber gemessen. Niemand hat Masken getragen. Scharen von US-Amerikanern sind fröhlich weiter zum Springbreak nach Cancún eingereist. Das Flugzeug nach Frankfurt war komplett voll. Wahrscheinlich einer der letzten Flüge, der noch regulär geflogen ist. Die „Rückholaktion für im Ausland gestrandete Deutsche“ des Auswärtigen Amtes ist mir damit erspart geblieben. Meine Geburtstagsparty hatte ich noch in Mexiko abgesagt. Heute erscheint es mir absurd, dass ich tatsächlich dachte, sie könnte vielleicht stattfinden. Ich trau mich kaum raus zu gehen. Einmal war ich im Aldi. Einmal im DM. Meine erste Woche verbringe ich fast komplett zuhause. Spaziergänge scheinen jetzt das neue Ding zu werden. Ich mach mal einen.

Photos: Nadine Barabas

One thought on “Zwei Schritte vor. Zwei zurück.

  1. Zwei Schritte vor. Zwei zurück. – partesprototo

    […] unbedingt auch Teil 1 & 2 von Nadines […]

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