Zwei Schritte vor. Zwei zurück

Zwei Schritte vor. Zwei zurück

Wochen und Monate zieht sich Corona jetzt schon durch unser Leben. Wie schnell das Surreale das neue Normale wird, wie schnell wir uns an Dinge gewöhnen und uns von anderen entwöhnen ist irgendwie verrückt. Diese Feature-Reihe ist meine private Zeitreise. Nach hinten. Nach vorne. Ins Jetzt.

Dies ist Teil 5 & 6 davon.


Vor zehn Monaten

11. April 2019: All-inclusive für gestresste Yoginis

Ich sitze in großer Runde am Frühstückstisch auf der Terrasse. Über uns sind weiße Sonnensegel gespannt, damit die Sonne uns beim Essen verschont. Es ist zwar erst April, doch es ist schon relativ warm. Auf den Stühlen um mich herum sitzt Yoga-Leggings an Yoga-Leggings. Mit sieben Freundinnen bin in den kleinen Ort an der Küste gefahren, etwa eine Stunde von Lissabon entfernt. Für eine Woche Yoga. Surfen. Lesen. Reden. Spaziergänge. Und in der Sonne am Pool liegen. Auch wenn der eigentlich noch zu kalt ist. Dreimal am Tag warten wir wie aufgeregte Hunde auf den Klang des Gongs, der uns zum frischen, vegetarischen Essen ruft  –  welches im Übrigen fantastisch ist. Es gibt zwei Yogakurse pro Tag, einer morgens einer nachmittags. Abends noch Meditation. Wer mag, geht zwischen den Yogakursen noch Surfen. Bewusstseins-All-inclusive für Großstädter. Wir finden es natürlich großartig.

Zwischen Ferienlagerstimmung, langen Gesprächen und bedächtigen Spaziergängen meditieren wir uns im Laufe der Woche zu ganz ungeahnten Dimensionen der Erholung. Ich brauche diese Auszeit gerade dringend. Mein Job ist stressig und kräftezehrend, ich habe das Gefühl, mein komplettes Leben dreht sich seit einiger Zeit nur noch ums Arbeiten. Jetzt ist Pause angesagt. Und zwar so effektiv wie möglich. War ja auch ganz schön viel los in letzter Zeit: Zwei Wochen vor Portugal war ich eine Freundin in Barcelona besuchen. Klar, nur übers Wochenende. Dazwischen Arbeit, Arbeit, Arbeit. Ein paar Wochen später fahre ich zu meinen Eltern nach München. Währenddessen arbeite ich aus dem Homeoffice. Die Woche Zwangsentschleunigung im Yoga-Camp mag zwar ein Klischee sein, legt aber den Grundstein für eine wichtige Erkenntnis: Ich möchte so nicht weitermachen. Ein paar Monate später kündige ich endlich.

Alte Sorgen und neue Perspektiven

Meine größten Sorgen 2019: Ist dieser Job es wert, sich dafür aufzuarbeiten? Bekomme ich mein Arbeitspensum mit meinem durchgetakteten Sozialleben unter einen Hut? Fahre ich im Sommer auf ein oder zwei Festivals? Und wenn zwei, krieg ich dann noch einen Sommerurlaub unter? Wann gleiche ich eigentlich mal meine ganzen Überstunden aus?

Wenn ich jetzt – ein Jahr später – darüber nachdenke, scheint mir alles ganz einfach. Job kündigen. Leben genießen. Bisschen Ruhe hineinbringen. Aber das kann ich natürlich noch nicht wissen, während ich am Frühstückstisch in meiner Yoga-Leggings sitze und nach Entschleunigung dürste. Ja, Corona nervt. Ja, Corona hat uns in eine gesellschaftliche, wirtschaftliche und gesundheitliche Krise gestürzt. Das liegt auf der Hand. Aber zumindest mich persönlich hat diese Phase auch dazu gebracht, ein paar Dinge mal zu überdenken. Vielleicht muss in Zukunft nicht alles so viel sein? So viel arbeiten. So viel unterwegs sein. So viel fliegen. So viel Freizeit optimieren. Wäre ja mal ganz entspannt. Oder?


In einem Jahr

5. Juni 2021: Dreimal Zukunft, bitte.

Szenario 1: “Hey! Im Kreis bleiben beim Tanzen, ja!?”

Seit letztem Winter kann man endlich wieder feiern gehen. Anfangs hatte sich kaum jemand getraut, dann streckten nach und nach einige wieder die Fühler Richtung Spaß aus. Ein bisschen anders ist es natürlich schon als vorher: Vor jeder Bar, vor jedem Club hängt ein riesiger Katalog an Maßnahmen. Erst mal durchlesen, dann unterschreiben, per Tracking-App einchecken und Hände desinfizieren. Und dann kann der „Spaß“ auch schon losgehen.

“Ich komm nicht in deinen Tanzbereich, du kommst nicht in meinen Tanzbereich”

Das neue Dauermotto heißt: Abstand. Auf dem Dancefloor sind in regelmäßigen Abständen kleine Kreise aufgemalt. Darin darf man tanzen. Die Security steht am Rand und achtet darauf, dass auch bei steigenden Pegeln die Leute in ihrem Tanzbereich bleiben. Mehr oder weniger zumindest. Die Schlangen vor den Clubs haben selbst für Berlin bisher unerreichte Ausmaße angenommen: von der Tür des Katers steht man jetzt bis zum Alexanderplatz. Sorgfältig im Abstand von 1,5 Metern natürlich. Aber wenigstens mit seiner Kern-Feierfamilie. Überraschend, wie viele Menschen neuerdings in einem Haushalt wohnen.

Das Weit-voneinander-weg-sein begleitet uns in allen Bereichen. Nachdem sich nach den ersten Lockerungen schnell herausstellte, dass die Übertragung über Aerosole drinnen auch mit Mindestabstand stattfindet, wurden alle Innenbereiche wieder gesperrt. Terrassen und Außenbereiche der Restaurants und Cafés wurden die einzige Möglichkeit auswärts essen zu gehen. Bis in den Dezember hinein saßen wir also alle draußen an den Tischen, eingepackt in unsere Winterjacken. Um die Kälte etwas zu dämpfen. Aber irgendwie fühlt sich das ganze Leben jetzt gedämpft an. Vieles was mal Spaß gemacht hat, kann man jetzt theoretisch wieder machen. Nur praktisch macht es keinen Spaß mehr.

Szenario 2: “Hast du deinen Impfpass dabei?”

Seit Anfang des Jahres wird die Bevölkerung in Schichten geimpft. Die zweite Welle im Winter war ziemlich heftig. Volle Krankenhäuser. Viele Tote. Ein paar Monate später wird endlich ein Impfstoff gefunden und geht sofort in Massenproduktion. Jetzt werden alle, die möchten, nach und nach geimpft. Das dauert natürlich seine Weile. Die Bundesregierung hat entschieden, nach Geburtsdatum vorzugehen. Ich habe zum Glück im März Geburtstag, war also schon im Frühling dran mit meiner Corona-Impfung. Jetzt prangt der Sticker verheißungsvoll in meinem sonst abgewetzten Impfpass.

Vom Impf- zum Reisepass

Der gelbe Lappen ist mittlerweile der neue Reisepass. Nur wer den kleinen silbrig-glänzenden Covid19-Sticker darin hat, darf uneingeschränkt reisen. Keine zweiwöchige Quarantäne. Keine Abstandsbeschränkungen. Keine Sorgen. Der Weg dahin war nicht einfach. Über die dunklen Wintermonate wurde heftig über das weitere Vorgehen gestritten – in den Medien, in Familien und in Freundeskreisen, auf der Straße. Impfgegnerinnen stritten mit Schulmedizinerinnen, Homöopathinnen mit Virologinnen und Aluhut-Träger*innen eigentlich mit allen gleichzeitig . Ständig wurde verhandelt, was schwerer zu gewichten ist: endlich die Beschränkungen der Bewegungsfreiheit und Einschränkungen des Alltags aufzuheben oder dadurch vermeidbare Ansteckungen und so noch mehr Tote in unserem überlasteten System zu verhindern. Uneinigkeit im eigenen Selbst.

Schließlich fiel die Entscheidung: Nur wer geimpft ist oder eine überstandene Infektion und Antikörper nachweisen kann, darf alles. Sofort fingen viele an, sich absichtlich anzustecken. Ging nicht immer gut aus. Mittlerweile wird streng geprüft. Der Schwarzmarkt für den Covid19-Sticker floriert, Menschen zahlen mehrere hundert Euro, um eine gute Kopie für ihren Impfpass zu bekommen. Die nächste Generation der Sticker wird ein Sicherheitshologramm mit dem eigenen Foto haben.

Szenario 3: “Keine Ahnung, wo meine Maske ist”

„Frühling letztes Jahr? Kann ich mich irgendwie gerade gar nicht mehr erinnern. Was war da nochmal?“, fragt meine Freundin und setzt ihre Kaffeetasse ab. Wir sitzen in einem Café in meiner Straße. Drinnen alles voll. Draußen alles voll. „Hä, na, Corona war doch“ sage ich. „Achja, stimmt!“

Ein Jahr später scheint nicht nur der Schrecken, sondern auch die Sache an sich vergessen zu sein. Der Herbst kam und ging. Genauso wie der Winter. Die Zahl der Infizierten blieb handlebar. Und nach und nach wurden von der Regierung alle Beschränkungen wieder abgeschafft. Im Nachgang haben wir noch eine Weile den Selbstoptimierungs-Schwanzvergleich betrieben: Wer hat welches DIY Projekt geschafft. Wer hat noch eine fünfte Sprache gelernt. Den schwarzen Gürtel im Yoga gemacht. Sich als Friseur*in selbst verwirklicht. Das klingt alles im Nachhinein sehr beeindruckend. Aber ehrlich gesagt saßen wir einfach alle ganz schön viel vor Netflix. Und das ist auch okay so.

So viele Stimmen, die riefen: Corona eine Chance für unsere Gesellschaft. Endlich lernen wir, was wichtig ist. Endlich mal entschleunigen. Wir können jetzt sozialer, nachhaltiger und gerechter werden. Davon ist irgendwie nicht mehr viel übriggeblieben. Außer vielleicht all die Masken ganz unten in den Schubladen. Wir haben ganz bequem das Meiste vergessen.

Was bleibt außer einer hohen Arbeitslosenquote?

Aber musste vielleicht auch so sein, um schnell weitermachen zu können. Nur die Arbeitslosenzahlen sind höher als vor einem Jahr. Einige von uns waren in Kurzarbeit, einige im Freundeskreis haben auch ihren Job verloren. Doch im Großen und Ganzen haben wir Glück gehabt – wir mussten uns nicht zwischen Kinderbetreuung und Job aufreiben und auch für die Selbstständigen unter uns liefen irgendwann wieder die Aufträge an. Weniger Geld zur Verfügung, ja, aber warum gleich nochmal? Der Grund dafür ist schon fast wieder vergessen. Und in Berlin sind eh alle permanent abgebrannt.


Heute

29. Mai 2020: Sieht aus wie immer

Drei Monate Corona-Ausnahmezustand. Eine Achterbahnfahrt der Gefühle, wie es bei Der Bachelor heißen würde. Aber das war es auch. Von Anfangspanik und Verunsicherung zum „New Normal“ und Gewöhnung bis hin zum Überdruss. Das ganze Spektrum eben. Jetzt wird gelockert und gelockert. Manchmal gefühlt zu schnell. Und manchmal zu langsam. Ich darf jetzt auch offiziell meine Familie in Bayern besuchen. Die Schulen füllen sich, Geschäfte und Restaurants öffnen wieder. Nach und nach wird das öffentliche Dürfen wieder hochgefahren. Und zwischendrin vergesse ich Corona einfach schon richtig oft: wenn ich die Straßen in Kreuzberg entlanglaufe, sieht es aus wie immer. Volle Cafés, Hipster sitzen in der Sonne vor ihrem Hafer-Cappuccino und rauchen. Vier ältere Männer stehen an der Straßenecke und unterhalten sich. Eine Mutter quetscht sich auf dem Gehweg mit ihren Kindern plus Fahrrad an der Schlange vor der Post vorbei. Nur die Touristen fehlen gerade noch. Ist aber auch mal ganz angenehm. Letzte Woche war ich mit meinen Mitbewohnerinnen im Schlauchboot auf dem Kanal. Mit einem Bier in der Hand in der Sonne liegen – Urlaubsfeeling am Urbankrankenhaus. Und so zwischendrin haben wir uns gefragt: „War‘s das jetzt eigentlich schon?“. Wäre ja ganz schön, wenn ja.

Photocredits:

Galerie: Photo by Daniel Lonn on Unsplash | Fran Jacquier on Unsplash | Robert Bye on Unsplash

Alle anderen Fotos: Nadine Barabas

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