Zwei Schritte vor. Zwei zurück.

Zwei Schritte vor. Zwei zurück.

Wochen und Monate zieht sich Corona jetzt schon durch unser Leben. Wie schnell das Surreale das neue Normale wird, wie schnell wir uns an Dinge gewöhnen und uns von anderen entwöhnen ist irgendwie verrückt. Diese Feature-Reihe ist meine private Zeitreise. Nach hinten. Nach vorne. Ins Jetzt.

Dies ist Teil 3 & 4 davon.

Vor zweieinhalb Monaten

4. März 2020: Reisen kann echt stressen

Von 17 bis 19 Uhr ist Happy Hour. Zwei Margaritas für 100 Pesos. Nicht das erste Mal diese Woche, dass wir auf dieser Bar-Terrasse sitzen und natürlich zweimal zwei Margaritas bestellen. Gut gelaunt ins Abendessen. Heute werden es vermutlich wieder Fisch Tacos sein. P. und ich sind auf Holbox, einer kleinen Insel in der mexikanischen Karibik. Es ist objektiv genauso schön, wie es klingt. Weiße ewige Sandstrände, türkisblaues Wasser, Palmen und was man sich sonst noch so vom gängigen Insel-Klischee erwartet. Wir verstehen uns gut, trotzdem gibt es diese kleinen Reibereien, die zu erwarten sind, wenn man über Wochen zusammen reist. Insbesondere weil wir uns gerade erst kennenlernen. Ich bin also genervt, weil P. nicht so gerne stundenlang am Strand herumliegt. Ich wiederum verbringe jeden Tag fünf Stunden am selbigen ohne mehr zu tun als alibimäßig drei Seiten in meinem Buch zu lesen, zu viele Snacks zu essen und sonst sehr konzentriert aufs Meer zu starren – na gut, Musik höre ich auch zwischendrin. Ansonsten bin ich wie eine Eidechse auf einem heißen Stein. P. hingegen will jeden Tag ein paar Stunden an seinem Projekt arbeiten. Dafür muss er ein Café mit gutem Wifi und einer Steckdose finden. Das passiert die ganze Woche über nicht. Er ist also auch genervt. Außerdem will er heute Abend doch keine Fish Tacos essen. Irgendwie stressig.

Meine späte Erkenntnis: auf Holbox war es paradiesisch

Wenn ich aus diesem Tag herauszoome und mich zehn Wochen später am Laptop in Berlin sitzen sehe – seit Wochen wegen Corona auf Pause gestellt –, frage ich mich schon, warum ich diese Woche auf Holbox eigentlich nicht permanent im Endorphinrausch war. Objektiv war es doch paradiesisch. Und subjektiv dann halt einfach nur normal. Ich lese die Tage „Die Kunst des Reisens“ von Alain de Botton. Etwas zynisch, wo Reisen mir gerade ferner erscheinen als ein Supermarktbesuch ohne Atemschutz. Bei einer Passage darin musste ich an die Woche auf Holbox denken. Von seinem eigenen Besuch auf Barbados schreibt De Botton:

Vor mir hatte ich einen Anblick, den ich aus der Broschüre kannte: der Strand erstreckte sich in einer sanften Kurve bis hin zur Spitze der Bucht, dahinter erhoben sich dschungelbedeckte Hügel, und die Kokospalmen in der ersten Reihe neigten sich dem türkisblauen Meer zu, so als reckten die Bäume den Hals, um mehr Sonne abzubekommen. Diese Beschreibung gibt aber nur unvollkommen wieder, wie es in mir an diesem Morgen aussah, denn in Wahrheit war ich viel unkonzentrierter und zerstreuter, als man danach meinen möchte. Dass ein paar Vögel in morgendlichem Tatendrang durch die Luft schwirrten, ist mir sicher nicht entgangen, doch diese Wahrnehmung war getrübt durch diverse andere Details, die nichts damit zu tun hatten, darunter einem Kratzen im Hals, das sich schon während des Fluges eingestellt hatte, dazu dem beunruhigenden Gedanken, einen Kollegen nicht von meiner Abwesenheit informiert zu haben, einem Druck auf beide Schläfen und dem immer stärker werdenden Bedürfnis, die Toilette aufzusuchen. […] Ich war davon ausgegangen, ein neutraler, klarsichtiger Betrachter zu sein, doch auf der Insel sollte ich einer Reihe von Zerrspiegeln gewahr werden, die zwischen mir und der Realität standen und deren Ursache ein einfach und trotzdem bis dato übersehenes Faktum war: ich hatte mich ja selbst auf die Insel mitgenommen. […] Leider ist es nicht leicht, sich hinterher an die eigene fast permanente Zukunftsangst zu erinnern, stellt sich bei der Rückkehr von einer Reise als Erstes doch heraus, dass uns entfallen ist, welch großen Teil der Vergangenheit wir mit Gedanken an das Kommende verbracht haben.

Haste natürlich Recht, Alain! Richtig wertschätzen, wie zufrieden ich auf dieser schönen Insel eigentlich war, kann ich halt leider erst jetzt. Jetzt, wo nicht klar ist, ob dieses Jahr überhaupt noch in die Ferne gereist werden kann. Aber vielleicht kann ich es mir ja fürs nächste Mal merken.

Heute

15. Mai 2020: Spiegel-App, Homeworkout, Jobsuche

Die neue Normalität. Bah, ich kann diesen Ausdruck nicht mehr hören. Seit mehr als acht Wochen ist Corona-Zwangspause. Aber es ist nun mal mittlerweile wirklich so ein neues „Normal“ geworden. Mein Wecker klingelt um 9:30 Uhr. Nicht zu früh, nicht zu spät. Ich versuche nachts nicht später als um 2 Uhr schlafen zu gehen, sonst komme ich zu sehr in meinen Arbeitslose-Nachteule-Rhythmus. Dann einen Kaffee und bisschen Smartphone suchten: Spiegel-App, Tagesschau-App, Instagram, Facebook. Danach zwanzig Minuten Homeworkout auf YouTube. Manche von diesen aufgedrehten Drill-Instructors sind unaushaltbar nervig. Dann ein paar Stunden am Laptop verbringen: Jobausschreibungen scannen, Bewerbungen schreiben, Texte für andere schreiben. Wenn die Sonne scheint: Ein bisschen auf den Balkon, Arbeiten am Corona-Tan.

Kein Tag ohne Spaziergang!

Es kommt das Highlight des Tages – Einkaufen gehen. Immer komische Stimmung im Lidl, die Maske nervt, die Schlange nervt. Danach natürlich noch ein Spaziergang. Denn, hey, was wäre ein Tag ohne Spaziergang? Ich glaube, ich könnte mittlerweile einen Reiseführer schreiben. Titel: „Wanderrouten ab dem Moritzplatz“. Mit verschiedenen Features, Schwierigkeitsstufen und Längen: „Kaum Menschen – immer an der Straße – 30 Minuten.“ Oder „Irgendwo über die Spree – Umweg durch einen Park – 70 Minuten.“ Dabei Musik oder Podcast hören. Oder meinem neuen Dauerhobby Telefonieren nachgehen. Oder Skype. Oder Zoom. Oder online Brettspiele spielen. You name it.

Abends dann Essen und Kochen mit der WG. Danach Serie gucken. Obwohl wir Netflix, Amazon Prime, Sky Ticket und Maxdome haben, habe ich das Gefühl, wir haben bald alles durch. Jeder geht in sein Zimmer, ich spiele noch eine Stunde Candy Crush. Schlafen. Morgen dann erstmal wieder mit einem Kaffee starten. Bisschen zu sehr „Und täglich grüßt das Murmeltier“ für meinen Geschmack langsam. In meinem letzten Job hatte ich montags immer frei. Jetzt fühlt es sich seit zwei Monaten an wie Montag. Jeden fucking Tag. Wird das auch mal wieder wirklich normal?

Photos: Nadine Barabas

Lest unbedingt auch Teil 1 & 2 von Nadines Zeitreisen.

One thought on “Zwei Schritte vor. Zwei zurück.

  1. Corona-Fragebogen #9 – partesprototo

    […] habe zum ersten Mal nach sechs Monaten unsere Freundin Nadine wiedergesehen, die auch für partesprototo schreibt. Das war sehr […]

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