“Langeweile? Da kann ich nur applaudieren!”

“Langeweile? Da kann ich nur applaudieren!”

Corona trifft strukturell betrachtet vor allem: Alte Menschen, vorerkrankte Menschen, Menschen ohne ausreichende soziale Absicherung… und junge Familien, die plötzlich ohne Kinderbetreuung dastehen.
So wie die Familie meiner Freundin Maike. Sie ist Wissenschaftlerin, ihr Partner Moritz ist selbständig, ihr gemeinsamer Sohn ist zwei Jahre alt. Beide Eltern arbeiten in Teilzeit, der Sohn geht normalerweise in die Kita. Die Familie ist eigentlich ein Musterbeispiel an gerechter Arbeitsverteilung. Doch selbst sie kommt nun ins Schleudern. Ein Gesprächsprotokoll.

Maike und Moritz hatten „auch schon vor Corona eine ziemlich gleichberechtigte Aufteilung“ in Sachen Kinderbetreuung und Zusammenleben. Beide haben ein gleichberechtigtes Kontingent an Zeit pro Woche, die jede*r für sich in Zeit für Erwerbsarbeit, Hobbies, Freund*innen und Alonetime einteilt. Zu diesem Deal gehört, dass sie nicht hinterfragen, wofür sie die Zeit jeweils verwenden.
Die Familie lebt zudem mit zwei Freundinnen zusammen, die oft bei der Kinderbetreuung einspringen – und jetzt zu einem tragenden Pfeiler geworden sind: „Die beiden gehören eh zu unserem Coronahaushalt, arbeiten auch im Homeoffice und helfen uns einfach aus Freundschaft und Nettigkeit. Wir sind wahnsinnig dankbar dafür, aber wissen auch, dass das ein fragiles Konstrukt ist.“

Gegenüber Freund*innen besteht einfach nicht dieselbe Verbindlichkeit wie innerhalb der eigenen Beziehung, sich ums gemeinsame Kind zu kümmern. Außerdem könnte jemand selbst an Corona erkranken und ausfallen. Im Sommer müssen die Mitbewohnerinnen vielleicht zurück ins Büro. Diese private Lösung ist also nur von Woche zu Woche möglich.
Klar könnten Maike und Moritz einen professionellen Babysitter einstellen, „aber das wäre eine enorme finanzielle Belastung.“ Sie müssten jemanden für 10 bis 15 Stunden pro Woche bezahlen, um die Mitbewohnerinnen zu ersetzen.

In ihrem Job arbeitet Maike selbst momentan etwa 32 Stunden pro Woche. Dazu kommen auch bei ihr 10 bis 15 Stunden Kinderbetreuung, das letzte Drittel übernimmt ihr Freund: „Wenn man das mal durchrechnet, haut es nicht hin ohne Abend- und Wochenendschichten.“ Zudem muss sie bei ihrem Arbeitgeber, den die Situation genauso unvorbereitet trifft, erst individuelle Entlastungslösungen aushandeln: „Der Bedarf muss ja erst mal artikuliert werden und es muss ein Problem werden, bis sich gekümmert wird.“

Manche Kolleginnen nehmen jede Woche einen Tag Urlaub und fangen die Situation so auf. Das will Maike nicht und es geht auch nicht, weil die Projektlage es bei ihr nicht zulässt. Auch eine Vertretungslösung kommt nicht in Frage: „Es kann ja nicht einfach jemand anders meine Doktorarbeit schreiben!“ Um alle ein wenig zu entlasten, tun sich Maike und Moritz jetzt mit einer befreundeten Familie zusammen, „die haben wir quasi in unseren Coronakreis aufgenommen und teilen uns nun teilweise die Kinderbetreuung“.

Wir führen jetzt in der Corona-Krise endlich eine wichtige Debatte über die strukturelle Benachteiligung junger Eltern und junger Familien. Eines wird dabei bisher aber kaum berücksichtigt: „Auch das Kind wurde von jetzt auf gleich, ohne Vorbereitung, aus einer Struktur gerissen, die für ihn wichtig ist. Die Erzieher sind ganz enge Bezugspersonen geworden, die auch Entwicklungsphasen begleiten. Ich bin zwar Mutter und kann mich gut um mein Kind kümmern. Aber ich bin keine ausgebildete Erzieherin, die weiß: Okay, so, Sprachentwicklung. Da steht das Kind jetzt da und da, dann muss ich mal fördernd eingreifen.“ Und natürlich fehlen ihm auch seine gleichaltrigen Spielpartner*innen, von denen er zuhause erzählt.

In Berlin wurden die Kitas quasi übers Wochenende geschlossen. Maike und Moritz profitieren in der Ausnahmesituation von privaten Strukturen, auf die sie als Familie zurückgreifen und die sie nun ausbauen können. Trotz dieser privilegierten Lage fühlt sich Maike allein gelassen, ein bisschen hilflos und auch frustriert: “Unvorstellbar, wie es da alleinerziehenden Eltern geht oder wie Familien in beengten Wohnverhältnissen klarkommen.” Sie plädiert daher für ein Corona-Elterngeld, „um Eltern die Möglichkeit zu geben, für eine kurze Zeit aus dem Job rauszugehen. Damit sie das, was sie jetzt machen müssen, nämlich Kinder betreuen, unter Bedingungen tun, die den Kindern gerecht werden, den Eltern gerecht werden und unter denen sie nicht diese Doppelbelastung schultern müssen.“

Am Ende überlegt sie kurz und sagt dann halb lachend, halb kopfschüttelnd: „Ich gönn das jedem, der jetzt grade frei gewordene Zeit für sich nutzen kann. Aber allen, die von Langeweile und Entschleunigung reden, kann ich nur applaudieren. In meinem Leben ist das Gegenteil der Fall: Das Tempo hat zugenommen und der Stress und der Druck auch.“


Photo by Ksenia Makagonova on Unsplash

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