Gestrandet über den Landweg

Gestrandet über den Landweg

Seit nunmehr vier Wochen sehe ich jeden Tag das Meer. Ein großes Glück in diesen Zeiten, und es wäre wohl auch ein großes Glück in allen anderen Zeiten und doch fühlt es sich anders an.

Oberflächlich betrachtet ist am Meer der Blick zum Horizont ja nur ein waagerechter Strich, der das rauschend dunkle Türkis-Blau des Meeres von dem geräuschlosen, dafür strahlenden Hell-Blau des Himmels trennt. In den vier Wochen habe ich mittlerweile auch weitere Facetten kennengelernt. Vor etwa zwei Wochen, oder drei, zog einmal dichter Nebel Richtung Festland und verwandelte das Meer in einen geräuschvollen wie tristen See im Herbst. Manchmal, vielleicht zwei oder drei Tage, war es am Horizont so diesig, dass sich die sonst so trennscharfe Linie in einen verschwommenen Übergang von rauschendem Grau in lautloses Grau hin zu hellem Blau verwandelte, und man nicht mehr in der Lage war, den sonst so klaren Horizont mit Gewissheit nachzuziehen. Aber meist ist es eben doch die klare Linie zwischen Türkis- und Hell-Blau, dazu der Sandstrand, Sonne, Wind und Wellen. Glück.

Aber es ist eben alles nicht wie zumeist, derzeit, und so ist das Glück, das ich bereits erwähnte, von dem Unglück, zu dem ich gleich komme, anscheinend nicht klar zu trennen sondern eher ineinander fließend, wie der Horizont an den seltenen diesigen Tagen hier im März.

Das Unglück? Seit vier Wochen sehe ich jeden Tag das Meer, aber ich spüre es nicht. Nicht nie, aber nur selten, denn zwischen unserem Refugium und dem Meer ist ein Zaun, und diesen zu durchschreiten ist zwar leicht möglich, aber verboten. Verboten bei Strafe. Wie gesagt, es sind seltsame Zeiten mit sonderbaren Bedingungen.
Diese sonderbaren Bedingungen ließen uns auch hier stranden, mich und meine Familie. Nicht wie Christoph Columbus in Amerika, mit dem Schiff. Zwar ebenso ausschließlich dem Zufall geschuldet, unglaublichem Zufall, aber eben über den Landweg. Gestrandet am Meer über den Landweg – seltsame Zeiten.

Wir waren auf dem Weg nach Brindisi, dort wollten wir auf einem Hof arbeiten, um dafür Kost und Logis zu genießen. Aber es sind, wie gesagt, seltsame Zeiten. Und so ereignete es sich, dass wir gerade zu viert auf einer nahezu verlassenen Autobahnraststätte zu Mittag aßen, Nudeln mit Tomatensoße, als wir den Anruf bekamen: Es sei alles so unsicher, der Virus, neue Gesetze, er hätte Angst, wir können nicht kommen.

Nicht kommen? Ich weiß nicht, ob der Anrufer sich im Klaren war, was das bedeutete. Für uns bedeutete. Nicht für ihn. Das ganze Land im Shutdown und er lässt uns an einem Mittwoch, mittags, auf einer nahezu verlassenen Autobahnraststätte im nördlichen Apulien sitzen. Kein Auto auf dem Parkplatz, keines an der Zapfsäule, nur unser Camper in der prallen Mittagssonne. Nun ohne Ziel, der Camper, und wir, ohne Hafen, in einem Meer von Angst um uns. So fühlt sich Unglück an. Ganz sicher.

Was allerdings nach den, mittlerweile kaltgewordenen, Nudeln mit Tomatensoße und der ersten aufkochenden Unruhe folgte, war Glück, ganz sicher, der Anruf bei Fabio. Durch Zufall, reinen Zufall, Columbus-Zufall, eine Nummer, ausgespuckt vom Google-Algorithmus auf die Anfrage „Campeggio“, in der Nähe, weil wir nicht wussten, dass bereits alle Campingplätze geschlossen hatten. Nicht weil es März war, sondern wegen dem Virus. Eine törichte Google-Anfrage, die uns Fabio ans Telefon brachte: Pronto, er hätte geschlossen, natürlich, der Virus, aber wenn wir einen Platz zum Übernachten bräuchten, könne er uns das Tor aufsperren. Land in Sicht.

An diesem Platz stehen wir seit nunmehr vier Wochen und ich blicke jeden Tag auf das Meer. Langzeittouristen ohne Fortbewegung zu touristischen Zwecken nennt sich das, was wir machen, offiziell. Wir nennen es Glück. Aber irgendwie fühlt es sich auch an wie Unglück.

Wo verläuft die Linie zwischen Glück und Unglück? Markiert das Freizeichen und das Abheben Fabios, pronto, die trennscharfe Linie dazwischen? Können Glück und Unglück überhaupt so nah beieinander liegen? Klar, ein Platz, für uns, die Familie, in diesen Zeiten, mit Blick auf das Meer, das ist Glück. Aber dass ich bei Strafe das Meer vor meinen Augen nicht erleben darf, da beginnt doch schon wieder das Unglück. Ich darf am Strand mit meinen Töchtern keine Burgen bauen, nicht fangen spielen mit den Wellen, mich nach dem Joggen darin nicht abkühlen … Ist der Zaun eine trennscharfe Linie?

In den letzten vier Wochen gab es seltene Momente, in denen wir es trotz der seltsamen Zeit, trotz der Verbote, Kontrollen und Strafen wagten, das Meer zu erleben und das Glück zu spüren! Das Glück im Unglück, oder ist es doch ein Glück im Glück?

Glück und Unglück – was ich in den vier Wochen gelernt habe, die ich nun aufs Meer blicke, ist dass sie sich eben nicht trennscharf unterscheiden, in diesen seltsamen Zeiten zumindest nicht. Sie sind nicht wie zumeist, das Unglück – das Meer, das Glück – der Himmel, der deutliche Horizont dazwischen. An diesen seltsamen Tagen ist es wie an den seltenen diesigen Tagen, Glück und Unglück, sie gehen fließend ineinander über, mehr noch, sie sind eins, zusammen, nicht getrennt.

Hinter dem Zaun rauscht das Meer, der Himmel über mir strahlt, Möwen lachen, die Sonne wärmt meinen ganzen Körper, während ich hier sitze und meine kleinste Tochter friedlich neben mir schläft. An einem Mittwoch, mittags, im April. Es geht aufwärts. Zum Glück.

Auf seinem Blog Denkende Poesie veröffentlicht Silvester weitere Texte: eben denkende Poesie und Prosa.

Foto: privat

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