Corona-Fragebogen #9

Als wir am 18. März 2020 die inzwischen als historisch bewertete Ansprache von Bundeskanzlerin Angela Merkel miterlebten, löste das sehr unterschiedliche Reaktionen in uns aus. Aber uns beiden war danach klar: Die Lage ist ernst und sie würde nicht innerhalb von zwei Wochen Quarantäne-Zeit vorbei sein. Mit einem Mal befanden wir uns in einer Situation, die für unsere Gesellschaft und unserer Generation ohne Beispiel ist.

Zeitgleich entschieden wir, diesen Blog zu starten. Wir wollten all die lauten und leisen Gedanken, die durch unsere Köpfe schwirrten, die Erfahrungen die wir machen, festhalten. Unser Austausch wurde ganz automatisch zu einer Corona-Chronik.

Jeden Freitag stellen wir uns nun gegenseitig drei Fragen – zur aktuellen Situation und zu unserem eigenen emotionalen Zustand.

Drei Fragen am… 15.05.2020

Laura, wie war die Woche?

Die Woche, war da ne Woche? Nee, im Ernst: ich hatte so viel zu tun, die Woche ist total an mir vorbeigerauscht. Einfach so. Was ich aber diese Woche gelernt habe: Welchen unterschied die Wohnsituation macht. Wir sind jetzt wieder vollzählig in der WG und wenn alle wegen Digitalem Semester und Homeoffice die ganze Zeit daheim sind, ist das doch eng. Hatte ich in den ganz strengen Lockdown-Wochen nie das Gefühl von Lagerkoller, würde ich ihn jetzt wahrscheinlich nach zwei Tagen bekommen, könnte ich nicht inzwischen ins Büro ausweichen.

Freitag, 15. Mai, der Stichtag in Berlin. Plötzlich stehen wieder Tische vor den Restaurants, in vielen Spätis verlangen sie keinen Mundschutz mehr, die Welt scheint (schon wieder) Kopf zu stehen. Wie ist es in Frankfurt? Und hast du vor, die neue Gastro-Freiheit direkt auszukosten?

Hmm, da hab ich noch gar nicht drüber nachgedacht – läuft das nicht jetzt mit Reservierung? Also für mein normales Gastro-Verhalten bedarf das zuviel Vorausplanung 😀 Und ich war eh immer schon mehr der Bar- als Café-Typ. Aber ich habe ein Restaurant schon länger auf der Liste, vielleicht ist jetzt die Gelegenheit, das mal zu tackeln.

In Frankfurt läuft viel draußen ab. Ich hab das Gefühl, die Leute haben sich ganz neue Praktiken angeeignet, treffen sich mehr draußen, am Main oder im Park, haben Wein dabei und holen sich was zum Picknicken. Was die Abstadsregeln angeht, sind viele nicht mehr so penibel, aber das Mundschutz-Ding hat sich voll durchgesetzt.

Wie fühlst du dich mit den ganzen Lockerungen?

Ehrlich gesagt habe ich ein wenig den Überblick verloren, was man jetzt wieder darf und was nicht.

Jana, wie war die Woche?

Ich hab zum ersten Mal seit… Mitte März (?)… das Gefühl, dass mir die Zeit davonläuft. Unser Drehvorhaben im Juli wird konkret und das bedeutet: Ab Mitte Juni wird wieder gearbeitet und ich muss mich jetzt schon vorbereiten.
Ich fand es diese Woche daher sehr spannend zu beobachten, wie sehr ich mich offenbar ans “neue Normal” gewöhnt hatte und wie merkwürdig ich es als altes Gewohnheitstier finde, mich jetzt auf ein “neues neues Normal” einzustellen.

Diese Woche wurden auch Grenzöffnungen und Lockerungen der Reiseeinschränkungen beschlossen. Sommerurlaub zu Corona-Zeiten, wie stehst du dem gegenüber? Können wir diesen Sommer allen Ernstes unbefangen auf der Piazza Spritz trinken oder sollte es doch besser das Radler auf der Berghütte sein?

Ganz ehrlich: Sobald es geht, möchte ich reisen. Aber es geht mir dabei weniger um Sommerurlaub. Den hatte ich für Juni geplant und habe ich eh längst abgeschrieben. Aber ich habe Freund*innen, die zum Beispiel in Paris leben und jetzt monatelang richtig eingesperrt waren. Die möchte ich besuchen nach der langen Isolation!

Davon abgesehen sind Bewegungs- und Reisefreiheit hohe Güter, die ich mir nicht nehmen lassen möchte. Ich war diesen Winter insgesamt drei Monate zum Dreh auf Kuba und habe miterlebt, wie über Nacht die Beförderungs-bestimmungen für Ausländer*innen geändert wurden. Wir waren mitten in der Pampa ohne öffentliche Verkehrsmittel und plötzlich durfte mich fast kein*e Autofahrer*in mitnehmen. Ich saß also plötzlich fest und habe zum ersten Mal in meinem Leben gespürt, wie es sich anfühlt, wenn ich mich einfach nicht mehr fortbewegen kann. Alles in mir hat dagegen rebelliert.

Hattest du diese Woche eine besondere Begegnung – im echten Leben oder virtuell?

Ich habe zum ersten Mal nach sechs Monaten unsere Freundin Nadine wiedergesehen, die auch für partesprototo schreibt. Das war sehr besonders!

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