Corona-Fragebogen #8

Als wir am 18. März 2020 die inzwischen als historisch bewertete Ansprache von Bundeskanzlerin Angela Merkel miterlebten, löste das sehr unterschiedliche Reaktionen in uns aus. Aber uns beiden war danach klar: Die Lage ist ernst und sie würde nicht innerhalb von zwei Wochen Quarantäne-Zeit vorbei sein. Mit einem Mal befanden wir uns in einer Situation, die für unsere Gesellschaft und unserer Generation ohne Beispiel ist.

Zeitgleich entschieden wir, diesen Blog zu starten. Wir wollten all die lauten und leisen Gedanken, die durch unsere Köpfe schwirrten, die Erfahrungen die wir machen, festhalten. Unser Austausch wurde ganz automatisch zu einer Corona-Chronik.

Jeden Freitag stellen wir uns nun gegenseitig drei Fragen – zur aktuellen Situation und zu unserem eigenen emotionalen Zustand.

Drei Fragen am… 08.05.2020

Jana, wie war die Woche?

Sie fing richtig beschissen an. Ich war zum ersten Mal so richtig im Corona-Loch. Hatte plötzlich zu viel Zeit an der Hand und das hat mich nicht entspannt, sondern so richtig unter Druck gesetzt. Gestern hat sich das Blatt gewendet. Da bekam ich eine E-Mail vom Ordnungsamt, in der stand, dass wieder Drehs auf öffentlichem Grund genehmigt werden. Heute wurde mein erster Job, der Mitte März eingefroren wurde, wieder zugesagt. Jetzt geht zwar alles absurd schnell und ich bin mir nicht sicher, ob ich hinterherkomme. Aber die gute Nachricht ist: Wir können diesen Sommer – unter strengen Auflagen und mit allerhöchster Vorsicht – wieder Filme drehen! Das Kino lebt weiter! Und irgendwann dürfen wir da hoffentlich auch wieder rein…

Diese Woche ist einiges passiert. Ein paar Beispiele: Das weitere
Vorgehen ist nun weitestgehend Ländersache, endlich wieder Fußball,
weiterhin Kontaktsperre und geschlossene Grenzen, die Situation von
Eltern und Kindern scheint endlich wahrgenommen zu werden, ebenso die
von Hotel und Gastro, die Sorge vor einer Wirtschaftskrise nach der
Covid-19-Krise wächst. Welches dieser Themen hat dich im medialen
Stimmengewirr dieser Woche besonders beschäftigt? Warum?

Es war gar kein konkretes Thema, sondern eher allgemeine Verwunderung – und Ärger über die Prioritätensetzung, über die ich mich ja schon öfters ausgelassen habe. Ich habe auch eher das Gefühl, dass das Stimmengewirr zu einem eintönigen Euphoriewortschwall wird – und Kritiker*innen, die zur Vorsicht und Umsicht mahnen, abgewürgt werden. Will ich das alles so schnell? Und vor allem, will ich das alles so schnell?
Klar freu auch ich mich darüber, dass ich nun wieder mit vier (!) Freund*innen im Park und bald sogar in einem Café oder Restaurant sitzen kann (Funfact: dank Corona ist in Berlin nun auch Kartenzahlung möglich!!!).

Gleichzeitig finde ich vieles überstürzt und fehlgerichtet. Ich muss auch in einem Punkt widersprechen: Die Bedürfnisse von Eltern und Kindern werden nicht wirklich wahrgenommen, die müssen jetzt einfach hinterher hetzen. Die Schulöffnungen laufen einigermaßen chaotisch und betreffen nur wenige Jahrgangsstufen. Familien, deren Eltern in “nicht-systemrelevanten” Berufen arbeiten, stehen weiterhin am unteren Ende der Nahrungskette, wenn es um Kita-Öffnungen oder finanzielle Extraleistungen geht (die Mehrheit also). Die Bundesliga wieder zu eröffnen, während Fußballspielen im Park verboten bleibt, macht wirklich gar keinen Sinn in meinen Augen – und blanker Hohn für alle, die weiterhin in Kurzarbeit bleiben, ihren Job verloren haben oder als Risikopatient*innen weiterhin zuhause bleiben müssen. Von Dividenenausschüttungen bei Konzernen, die Kurzarbeit beantragt haben, will ich gar nicht anfangen…

Was war deine stärkste Emotion diese Woche?

Frustriert – deprimiert – verunsichert – euphorisiert – ungläubig – zögerlich zuversichtlich. Meine Emotionen gleichen einer Welle und die läuft noch lange nicht aus. Frag mich nächste Woche noch mal, dann weiß ich es vielleicht.

Laura, wie war die Woche?

Ein Auf und ab der Gefühle – auf persönlicher Ebene war die Woche großartig: Ich habe meinen Vorsatz von letzter Woche umgesetzt und habe das Social Distancing trotz bestehender Kontaktsperre in ein “Smart Distancing” umgewandelt. Daher hatte ich ein paar schöne Begegnungen mit Menschen und habe neue Dinge ausprobiert – ein echtes Highlight in diesen Zeiten, wo jeder Tag ziemlich ähnlich auszusehen scheint! Das steht jetzt auch am Wochenende an, was mich aufbaut, da es in meiner Arbeit ein paar Rückschläge gab, die mich gerade nachhaltig runterziehen.

Ich hab das Gefühl, wir befinden uns plötzlich im Schleudergang und alle Öffnungskritiker*innen scheinen zu verstummen oder werden einfach übertönt: Hals über Kopf sperren die Schulen wieder auf, nächste Woche sollen wir plötzlich wieder im Restaurant essen dürfen und – WTF – ab Mitte Mai gibt’s wieder Bundesliga. Gleichzeitig bleibt die Kontaktsperre bis 5. Juni. Brot und Spiele also zur Beruhigung der Massen, oder was denkst du?

Also was die Strategie der Regierung angeht, kann ich wirklich nur noch den Kopf schütteln. Was ich so erschreckend finde, ist, dass sich momentan, mit jeder kleinen Lockerung, mit jedem Beschluss, schonungslos offenbart, wo die Prioritäten unserer Regierung liegen und was sie als “systemrelevant” erachtet und welches Bild von Gesellschaft sie verfolgt. Und das ist nicht mein Bild von Gesellschaft, nicht im geringsten, ganz und gar nicht. Ich stimme mit keinem dieser Werte und Ziele überein. Dass sich in Bayern jetzt zum Beispiel wieder gnädigerweise Familien untereinander sehen dürfen, aber enge Freunde immer noch nicht – WTF?!? Dass die Autoindustrie, die sich seit Jahren gegen den Wandel in ihrer Branche stemmt, nun wieder die Hand aufhält und nach einer Abwrackprämie 2.0 schreit und sie vermutlich auch bekommen wird – WTF?!? Dass es nach wie vor keine anständigen Konzepte gibt, wie man alten Menschen in Heimen wieder Besuch ermöglicht, aber gleichzeitig massiv Testkapazitäten dadurch blockiert, dass man die Bundesliga wieder anschmeißt, nur wegen der Kohle und als – Achtung, Polemik! “Opium des Volkes”, aber Theater und Kinos bleiben weiterhin geschlossen, obwohl man da doch leicht Abstandsregeln umsetzen könnte – WTF?!? Dass man Lockerungen erlässt, aber die Kontaksperre beibehältWTF?!? Ich könnte ewig so fort fahren.

Jede einzelne dieser Entscheidungen verdeutlichen ein Welt- und Gesellschaftsbild, mit dem ich überhaupt nicht übereinstimme, das ich fundamental ablehne: Die Familie als Keimzelle der Gesellschaft, Wirtschaftswachstum vor Klimapolitik, Ablenkung vor Bildung, Profit vor allem anderen.

Da lohnt es sich noch mal zu fragen: Worauf freust du dich besonders, wenn es jetzt wirklich „wieder losgeht“?

Wenn du damit die jetzt beschlossenen Lockerungen meinst – da freu ich mich am meisten, wieder einmal in ein Restaurant gehen zu können. Ich hab da mal so eine Liste angelegt… Ansonsten können mir auch die gerade beschlossenen Lockerungen nicht das geben, was ich momentan am meisten brauche: Reisefreiheit um meiner Arbeit nachgehen zu können und generell ein öffentliches Leben, das nicht nur auf Konsum reduziert ist, sondern mir ermöglicht, kollektive Erlebnisse zu haben und mich als Teil einer Gesellschaft zu fühlen – sei es jetzt bei einem Besuch im Museum, Theater, einer Demo, einem Club, einem Workshop, oder von mir aus auch einem Fußballspiel.

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