Corona-Fragebogen #7

Als wir am 18. März 2020 die inzwischen als historisch bewertete Ansprache von Bundeskanzlerin Angela Merkel miterlebten, löste das sehr unterschiedliche Reaktionen in uns aus. Aber uns beiden war danach klar: Die Lage ist ernst und sie würde nicht innerhalb von zwei Wochen Quarantäne-Zeit vorbei sein. Mit einem Mal befanden wir uns in einer Situation, die für unsere Gesellschaft und unserer Generation ohne Beispiel ist.

Zeitgleich entschieden wir, diesen Blog zu starten. Wir wollten all die lauten und leisen Gedanken, die durch unsere Köpfe schwirrten, die Erfahrungen die wir machen, festhalten. Unser Austausch wurde ganz automatisch zu einer Corona-Chronik.

Jeden Freitag stellen wir uns nun gegenseitig drei Fragen – zur aktuellen Situation und zu unserem eigenen emotionalen Zustand.

Drei Fragen am… 01.05.2020

Laura, wie war die Woche?

Corona = Alltag, hmm? Dinge, die vor ein zwei Monaten undenkbar gewesen wären, fallen mir plötzlich gar nicht mehr auf – nehmen wir zum Beispiel die Maskenpflicht, die seit dieser Woche überall gilt – hätte man mir Anfang März gesagt, dass wir auch irgendwann nur noch mit Mundschutz im öffentlichen Raum unterwegs sein würden, ich hätte die Person ausgelacht. Und plötzlich ist es total normal.

Und ich merke, wie sich der Ausnahmezustand langsam auf mein Alltagsverhalten auswirkt: Ich bin eigentlich überhaupt nicht paranoid, was die Angst vor einer Ansteckung angeht, aber kommen mir Fremde zu nah oder gehen auf dem Bürgersteig nicht auf meine Umtänzelungsversuche ein, empfinde ich das als extrem unhöflich. Da geht es mir in gewisser Hinsicht ähnlich wie dir. Eigentlich eine spannende Zeit – Wir müssen alle gerade komplett neue soziale Praktiken einüben. Wie Kinder, die Höflichkeitsregeln und gesellschaftliche Umgangsformen noch nicht ganz verinnerlicht haben. Es gibt ja z.B. auch viele Leute, die sagen, sie sind froh, dass es nun verpönt ist, sich die Hand zu geben. Interessant zu sehen, was nach der Krise bleiben wird.

Heute spüren wir die Auswirkungen besonders: Es ist der 1. Mai, unter normalen Umständen wären wir heute auf der Straße. Wie verändert Corona deinen politischen Aktivismus?

Puh, ja massiv. Sorry, ich muss jetzt kurz ausholen: Allein dass wir uns in unserer Gruppe jetzt natürlich nicht mehr persönlich treffen können. Diese erzwungene Vereinzelung und das damit ausbleibende Gefühl, nicht alleine zu sein in seinem Hadern mit den Missständen unserer Gesellschaft – Kapitalismus, Patriarchat, Rassismus, Klimawandel, etc., belastet mich. Und ich merke auch, wie schwer es mir fällt, politischen Aktivismus abseits der Straße zu denken. Ich habe das Gefühl, ich bin total unkreativ gerade, wenn es darum geht, über alternative Aktionsformen nachzudenken. Zum Glück haben sich andere bereits aus dieser gedanklichen Lethargie herausgewunden und Ideen entwickelt, wie wir auch in Zeiten der Pandemiebekämpfung sichtbar bleiben können.

Und auch wenn eine eine hashtag-Bewegung wie #metoo eine unglaubliche Wucht entfalten kann und Online-Kampagnen schon lange super wichtig sich, merken wir auch gerade: ohne Online geht’s zwar nicht mehr, aber nur mit Online eben auch nicht. Ein Netzstreik ist nun mal nicht vergleichbar mit einer Demo, die 300.000 Menschen mobilisiert. Allein die kollektive Erfahrung, mit anderen gemeinsam auf der Straße zu sein, ist total wichtig.

Die Wiederherstellung der Versammlungsfreiheit zum Zwecke der politischen Meinungsäußerung muss daher absolut prioritär behandelt werden, wenn wir über Lockerungen sprechen. Das ist was anderes als Fußball oder der Wunsch, mal wieder in ein Restaurant zu gehen oder so, hier geht’s um Bürgerrechte und eine funktionierende Demokratie.

Hattest du diese Woche trotz bis zum 10. Mai verlängerter Kontaktsperre eine besondere Begegnung – virtuell oder IRL?

Leider nein – ein unangenehmer Nebeneffekt dieser Kontaktbeschränkungen ist leider, dass man nicht mehr so viele Leute außerhalb seines engen Freundesclusters trifft oder überhaupt mit neuen Leuten in Kontakt kommt. Aber ich habe mir für nächste Woche tatsächlich vorgenommen, in der Hinsicht mal wieder meine Fühler auszustrecken und sozial über meinen Schatten zu springen und ein paar Leute zu kontaktieren, die ich nicht so gut kenne.

Jana, wie war die Woche?

Ganz gut, aber ich fühl mich langsam sehr distanziert von allem und allen. Zum einen von Corona, das beruhigt mich. 
Aber ich distanziere mich auch von der Welt, gehe kaum noch raus, weil ich viele Menschen auf der Straße so rücksichtslos finde. Ich spüre, dass ich immer empfindlicher auf Sozialkontakte reagiere und Social Distancing in mir allmählich eine leichte Sozialphobie auslöst.

Heute ist 1. Mai, aber wir werden nicht wie sonst auf große Demos gehen. Gleichzeitig hat Fridays For Future letzte Woche versucht, einen “Netzstreik'” fürs Klima auf die Beine zu stellen – Was hältst du von
digitalem Protest statt IRL?

Ich finde es gut, dass sozialer Projekt vermehrt ins Netz getragen wird – aber gleichzeitig fehlt dort natürlich die Kraft, die entsteht, wenn Menschen physisch zusammenkommen. Wir müssen aber auch hier das beste aus der Situation machen: Protest kann neue Methoden erproben, für die es vorher vielleicht schwieriger gewesen wäre, Mitstreiter*innen zu finden. Wenn wir ehrlich sind, läuft politischer Protest doch immer noch überwiegend nach bewährten Mustern ab: innerhalb institutionell vorgegebener Rahmen (Wahlen, Volksbegehren) oder auf der Straße (Demos, Kundgebungen). Wenn wir jetzt nicht auf die Straße können, muss die Straße halt zu uns kommen. Darin steckt übrigens auch Potential: Wir erleben in den letzten Jahren, wie global vernetzte Protestbewegungen entstehen und erstarken (Stichworte: Feminismus, Klimakrise), die aber in lokale Gruppierungen zersplittert waren (sein mussten). Die können jetzt wirklich „gemeinsam“ aktiv werden!

Webinare, digitale Seminare, Online-Diskussionsrunden, United We Stream
und jetzt demnächst sogar Symphoniekonzerte – Nutzt du all diese
digitalen Zerstreuungs- und Lern- oder Diskussionsangebote?

Ehrlich gesagt, kaum. Abgesehen vom gelegentlichen Zoom-Meeting und gelegentlichen United We Stream-Abenden. Muss aber auch dazusagen, dass ich eh nicht so der Workshop-Mensch bin… und ich im Moment halt kein bezahltes Projekt (aka Job) habe, das wir online gestalten/ managen müssten.

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