Corona-Fragebogen #4

Als wir am 18. März 2020 die inzwischen als historisch bewertete Ansprache von Bundeskanzlerin Angela Merkel miterlebten, löste das sehr unterschiedliche Reaktionen in uns aus. Aber uns beiden war danach klar: Die Lage ist ernst und sie wird nicht innerhalb von zwei Wochen Quarantäne-Zeit vorbei sein. Mit einem Mal befanden wir uns in einer Situation, die für unsere Gesellschaft und unserer Generation ohne Beispiel ist.

Zeitgleich entschieden wir, diesen Blog zu starten. Wir wollten all die lauten und leisen Gedanken, die durch unsere Köpfe schwirrten, die Erfahrungen die wir machen, festhalten. Unser Austausch wurde ganz automatisch zu einer Corona-Chronik.

Jeden Freitag stellen wir uns nun gegenseitig drei Fragen – zur aktuellen Situation und zu unserem eigenen emotionalen Zustand.


Drei Fragen am… Freitag, 10.04.2020

Jana, wie war die Woche?

Jetzt bricht halt so langsam die ganze Dimension des globalen Stillstands auf uns ein: Die ersten Anzeichen der Rezession werden sichtbar, Millionen Menschen in Deutschland sind in Kurzarbeit, in anderen Ländern fallen sie ungebremst in die Arbeitslosigkeit ohne jegliche soziale Absicherung. Die EU streitet über die Ausgestaltung von Hilfsprogrammen, die Bundesregierung hat mehr als den aktuellen Bundeshaushalt an Soforthilfen bereitgestellt und übernimmt ein Vielfaches an Garantien für Kredite. Corona-Shit is getting real! Es geht nicht mehr nur um Antivirenschutz, sondern wir stehen vor der nächsten Wirtschaftskrise. Und wir wissen: Nichts wirkt sich so negativ auf die Gesundheit aus wie Armut. So langsam wird daher klar: Unsere Volkswirtschaft wird hier das Tempo vorgeben, nicht der Reproduktionsfaktor…

Ich hab das Gefühl, die Menschen haben sich ganz gut eingegroovt in unserem neuen Alltag. Gleichzeitig werden die Forderungen nach einer Strategie für den Ausstieg lauter, gleichzeitig betont unsere Regierung, darüber könne man jetzt noch nicht diskutieren. Wie stehst du dazu – ist es zu früh über Lockerungen nachzudenken?

Ich gebe ungern zu, dass ausgerechnet Sebastian Kurz mit seiner Ankündigung für Österreich Verlangen in mir triggert. Aber: In einer Demokratie ist es nie zu früh über mehr Freiheit nachzudenken – und neben der Virenabwehr ist auch die psychische Gesundheit wichtig. Die hängt eng mit Sozialkontakten zusammen, beobachte ich an mir selbst und meinen Freund*innen. Ich habe keinen Bock mehr auf Videocalls und Diskussionen in Chatgruppen. Meine Sozialkontakte „auf ein Minimum zu reduzieren“ bedeutet für mich, fucking vernünftig zu sein, aber nicht um jeden Preis zu vereinsamen.
Gleichzeitig höre ich die mahnenden Stimmen: Der Trend geht noch nach oben, wir wissen zu wenig über Mutationsfähigkeit, Langzeitfolgen und zweite Wellen und wir haben doch gerade erst angefangen… Ich habe schon das Gefühl, dass wir – vorausgesetzt wir brauchen keine psychische oder medizinische Betreuung und befinden uns in einem sicheren häuslichen Umfeld – noch ein paar Wochen durchhalten könnten. Aber ich fürchte, dass der Motor für die Öffnung eh ein anderer sein wird (siehe Frage 1).

Welcher Text / Artikel hat dich diese Woche besonders berührt?

Im Freitag habe ich eine Reportage aus Gaza entdeckt: „Hallo Welt, auch mal isoliert?“ von Alexandra Senfft. Die Realität reicht hier völlig aus, um emotional zu werden. In Gaza gibt es 60 Intensivbetten für zwei Millionen Menschen in katastrophaler Versorgungslage. Aber: Die Menschen sind erprobt in Isolation, leiden teils schon ihr ganzes Leben darunter – und zum ersten Mal seit der Verhängung der Blockade 2007 checkt die Welt vielleicht, was das bedeutet.

Laura, wie war die Woche?

Erschreckend alltäglich…! Bisschen Arbeit, bisschen Sport, bisschen Frühling genießen. Krass, wie schnell man sich an eine neue Normalität gewöhnt.

Lass mal über diese ganzen wirtschaftspolitischen Entscheidungen reden: sich anbahnende Rezession, rumänische Erntehelfer statt Hilfe für Geflüchtete in Moria, 500 Milliarden von der EU… Welche Entscheidungen würdest du dir gerade wünschen?

Oh, da hab ich eine Menge Ideen. Vielleicht sollte ich da lieber nen Artikel zu schreiben, haha!

Die Meinungen gehen ja durchaus auseinander, ob eine Krise als Katalysator einer Transformation wirken kann, oder ob gesellschaftliche, wirtschaftliche und institutionelle Strukturen doch zu stark sind. Da ich mich selbst wissenschaftlich mit der Frage beschäftige, welche Faktoren zur Transformation von Systemen beitragen, finde ich die Frage, ob unser System durch die Krise eine Transformation erfährt, natürlich hoch spannend. Auch politisch hätte ich daran ein Interesse 😉

Aber wichtig wäre momentan vor allem: das, was auf der Seebrücken-Demo gefordert worden ist – eine Evakuierung der Lager in Griechenland und eine andere europäische Asylpolitik.

Auf nationaler Ebene ist das eine kompromisslose Vergesellschaftung von so wichtigen Lebensgrundlagen wie dem Gesundheitswesen oder Wohnraum. Das muss einfach einer kapitalistischen Verwertungslogik entzogen werden, das zeigt die Krise. Z.B. Thema Wohnraum: Es kann nicht sein, dass bei allen die Einnahmen wegbrechen, die Leute auf Kurzarbeit sind, nur bei den Vermietern und Immobilienkonzerne klingelt weiterhin die Kasse und am Ende freuen die sich auch noch, weil durch Insolvenzen in Innenstadtlagen wieder ein paar Gewerbeflächen freiwerden. Außerdem müssen die jetzt auf einmal als systemrelevanten erkannten Berufe wie in der Pflege, aber auch z.B. Kassier*innen endlich angemessen bezahlt werden, mit flächendeckenden Tarifverträgen. Yo, und eine Umverteilung von oben nach unten, um diese immensen Hilfspakete zu finanzieren, fände ich auch maximal sinnvoll. Anhebung des Spitzensteuersatzes, Wiedereinführung der Vermögenssteuer, Finanztransaktionssteuer, da fällt mir schon was ein. Und man sollte endlich mal ein BGE-Modell testen, das Corona-BGE, weil das ist eh der nächste wichtige Schritt, der irgendwann Realität werden sollte.

Was hat dich diese Woche glücklich gemacht?

Dass es am Sonntag in total vielen Städten in Deutschland geglückt ist, mit kreativen Ideen trotz Versammlungsverbot den öffentlichen Raum wieder als Ort der politischen Artikulation zu nutzen.

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