Corona-Fragebogen #5

Als wir am 18. März 2020 die inzwischen als historisch bewertete Ansprache von Bundeskanzlerin Angela Merkel miterlebten, löste das sehr unterschiedliche Reaktionen in uns aus. Aber uns beiden war danach klar: Die Lage ist ernst und sie wird nicht innerhalb von zwei Wochen Quarantäne-Zeit vorbei sein. Mit einem Mal befanden wir uns in einer Situation, die für unsere Gesellschaft und unserer Generation ohne Beispiel ist.

Zeitgleich entschieden wir, diesen Blog zu starten. Wir wollten all die lauten und leisen Gedanken, die durch unsere Köpfe schwirrten, die Erfahrungen die wir machen, festhalten. Unser Austausch wurde ganz automatisch zu einer Corona-Chronik.

Jeden Freitag stellen wir uns nun gegenseitig drei Fragen – zur aktuellen Situation und zu unserem eigenen emotionalen Zustand.


Drei Fragen am… Freitag, 17.04.2020

Laura, wie war die Woche?

Diese Woche hat sich gezeigt, dass Shut Down und Stress durchaus zusammengehen! Ich hatte ein paar Deadlines und andere Sachen, die ich liefern musste und war ganz schön beschäftigt. Gleichzeitig ging bei uns am Dienstag das Semester wieder los und wir müssen alle Seminare digital abhalten. Das hat erstaunlich gut geklappt, ich bevorzuge aber trotzdem den persönlichen Austausch. Immerhin hat man sich hier kreative Lösungen überlegt, zum Beispiel wie man die Nutzung der Bibliothek unter Wahrung der Sicherheitsvorkehrungen und Abstandsregeln ermöglichen kann. So viel Kreativität und lösungsorientiertes Denken würde ich mir von unseren Politiker*innen auch mal wünschen. Die Lockerungen, die diese Woche verkündet wurden, sind ziemlich willkürlich und undurchdacht aus meiner Sicht. Autohäuser dürfen aufmachen, Museen aber nicht? Erschließt sich mir nicht. In Museen kann man die Sicherheitsmaßnahmen doch total easy umsetzen! Ich finde es immer wieder erschreckend, wie beschränkt gedacht wird, aber Kultur ist halt nunmal leider nicht systemrelevant, ach ja…. Mit dem antifeministischen Backlash, der gerade all diese Corona-Strategien begleitet will ich gar nicht erst anfangen. Diese kontinuierlichen Realitäts-Klatschen nerven mich.

Es geht weiter bis zum 3. Mai. Was macht das mit dir?

Mein erster Gedanke war: totale Wut! Wie kann man uns die ganze Zeit so offensichtlich an der Nase herumführen – ja, noch zwei Wochen blabla, und dann in zwei Wochen heißt es, oh, hmm, nur noch zwei Wochen, dann haben wir alles im Griff! Bullshit. Leider haben wir jetzt mein persönliches Worst Case Szenario – wir dürfen / müssen alle wieder brav konsumieren, aber unsere Freunde dürfen wir immer noch nicht sehen. Ich hasse die Welt.

Was vermisst du gerade am meisten?

Am Wochenende hab ich vor allem unseren traditionellen Osterbrunch im Freundeskreis vermisst. Ich musste die ganze Zeit an letztes Jahr denken, was für ein herrliches Osterwochenende das war. Erinnerst du dich an unsere großartige Osterprozession, wo wir mit unendlich viel Sekt durch Berlin mäandert sind, an jeder Ecke Bekannte getroffen haben und am Ende noch richtig nice tanzen waren? Das war einfach ein perfekter Tag und fühlt sich an, wie aus einem anderen Leben.

Jana, wie war die Woche?

Jetzt ist es offiziell. Noch zwei Wochen. Die Frage ist: Was kommt nach dem 3. Mai? Mit Donald Trumps Entscheidung, die Zahlungen an die WHO einzufrieren, und der angekündigten Öffnungsstrategie hier in Deutschland sinkt mein Glaube an Transformation. Mein Wunsch nach internationalen Lösungsansätzen wird sogar lächerlich und meine Angst vor Nationalismus und Abschottung steigt. Außerdem ärgere ich mich zunehmend über die Selbstverständlichkeit, mit der Bundespolitiker*innen politische Verantwortung re-privatisieren (Stichwort: Kitas bleiben dicht bis August) und sich dann selbstgefällig vor die Presse stellen und Erfolge verkünden (Stichwort: Jens Spahn). Ich höre immer öfter, dass sich Freund*innen gegenseitig mehr oder weniger offen Vorwürfe machen, weil sie unterschiedlich mit dem Lockdown umgehen.
Leute! Der Gegner ist ein Virus! Nicht ein anderes Land oder ein/e Freund*in, der/die auf andere Weise vernünftig ist als du. Ich sorge mich, dass zersetzende Kräfte wie Misstrauen und Moralismus am Ende einen größeren Schaden anrichten als Covid-19.

So wie’s aussieht, dürfen wir zwar ab Montag wieder alle brav konsumieren, dürfen aber weiterhin unsere Freunde nicht sehen. Wie hast du die Entscheidung der BR und die Debatte darum (warum genau 800qm, etc.) empfunden?

Ich finde sie absolut unverständlich. Es geht offensichtlich darum, den Konsum in – Achtung! – systemrelevantem Umfang anzuregen, um die Rezession abzuschwächen. Neben dem lokalen Einzelhandel leiden vor allem kleine Unternehmen, Solo-Selbständige, Gastronomiebetriebe und Kulturbetriebe unter den Einschränkungen. Die müssten die Chance kriegen ihre Existenzen zu sichern! Warum darf ein großes Bekleidungsgeschäft öffnen, ein Kiezkino aber nicht mal, wenn es nur einen Teil seiner Plätze anbietet?
Und was #socialdistancing betrifft: Meine Freund*innen und Familie sind die Menschen, die mir am meisten am Herzen liegen, die ich also am ehesten schützen möchte. Selbst wenn wir uns nun in einer Gruppe treffen würden, könnten wir ja Vorsichtsmaßnahmen walten lassen: nicht berühren, nicht aus denselben Gläsern trinken, Abstand halten. Soll in der U-Bahn ja angeblich auch ausreichen.

Was gibt dir diese Woche Hoffnung?

Hoffnung ist vielleicht etwas hochgegriffen. Aber ich habe am Wochenende mit meinem Mitbewohner herausgefunden, dass wir von unserer Terrasse aus auf unser Hausdach klettern können. Das Gefühl von Freiheit dort oben hat mich ziemlich glücklich gemacht und mir mal wieder den Horizont gezeigt…

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