Corona-Fragebogen #3

Als wir am 18. März 2020 die inzwischen als historisch bewertete Ansprache von Bundeskanzlerin Angela Merkel miterlebten, löste das sehr unterschiedliche Reaktionen in uns aus. Aber uns beiden war danach klar: Die Lage ist ernst und sie wird nicht innerhalb von zwei Wochen Quarantäne-Zeit vorbei sein. Mit einem Mal befanden wir uns in einer Situation, die für unsere Gesellschaft und unserer Generation ohne Beispiel ist.

Zeitgleich entschieden wir, diesen Blog zu starten. Wir wollten all die lauten und leisen Gedanken, die durch unsere Köpfe schwirrten, die Erfahrungen die wir machen, festhalten. Unser Austausch wurde ganz automatisch zu einer Corona-Chronik.

Jeden Freitag stellen wir uns nun gegenseitig drei Fragen – zur aktuellen Situation und zu unserem eigenen emotionalen Zustand.


Drei Fragen am… Freitag, 03.04.2020

Laura, wie war die Woche?

Gut, produktiv! Nachdem ich letzte Woche überhaupt nichts gebacken gekriegt hab, außer auf Zeit Online und tagesschau.de rumuzuhängen, hatte ich diese Woche wieder Energie und Muße für meine Arbeit. In meinem Graduiertenkolleg, dass sich – ha! wie passend, mit „Kritischen“, also systemrelevanten Infrastrukturen beschäftigt, hatten wir ein zweitägiges digitales „Brain-Boost-Barcamp“, wo wir das erste Mal versucht haben, uns der aktuellen Situation wissenschaftlich zu nähern. Das war mega und es ist echt was bei rumgekommen. In einem Monat machen wir die zweite Edition, ich bin gespannt, wie die Welt dann aussieht.

Jana, wie war die Woche?

Körperlich: Ich bin bewegungsunfähig. Mein unterer Rücken ist komplett blockiert vom ganzen Sitzen und Verharren und Warten und Zweifeln und Sorgen und… ich nehme jetzt Medikamente, gehe spazieren und hoffe, es geht vorbei.
Psychisch: Ich fühle mich noch eingesperrter als vorher und das ist echt nicht schön. Aber ich habe heute dieses maiLab-Video gesehen, von dem grad alle reden und irgendwie fühle ich mich davon total bestätigt. Es bedeutet für mich aber auch, dass wir einen anderen Weg zum Social Distancing finden müssen, weil wir diesen Zustand nicht mehr ewig aufrechterhalten können.

Ich hab heute dieses maiLab-Video gesehen. Was ist dein Standpunkt in dieser Herden-Immunitäts-Diskussion?

Puuuh… also ich kannte die Thesen schon, dank eines Artikels in der SZ vom Wochenende, deswegen hat mich das jetzt nicht so umgehauen. Obwohl die Aussichten ja eigentlich düster sind, stimmt mich das doch irgendwie hoffnungsvoll. Diese Modelle prognostizieren ja in fast jedem Fall einen Kollaps des Gesundheitssystems, außer wir halten die Eindämmungsmaßnahmen bis Ende des Jahres aufrecht – was halt einfach nicht umsetzbar ist. Wir werden also ab irgendeinem Zeitpunkt mit dem Virus coexistieren müssen, daran führt kein Weg vorbei. Das heißt aber für mich im Umkehrschluss auch, dass dieses strengen Kontakteinschränkungen irgendwann gelockert werden müssen. Aber kontrolliert eine vollständige Herdenimmunität aufzubauen, das wird wohl schwierig. Let’s face it – we’re doomed.

Wie geht’s dir, hältst du noch durch?

Also momentan geht’s, aber wenn die Maßnahmen über den 20.04. hinaus verlängert werden, mach ich nicht mehr mit. Heute hatte ich meinen ersten ernsthaften nervous breakdown, ich kann nicht auf Dauer mit so wenigen sozialen Kontakten leben. Zumal ich ja dieses Fernbeziehungsproblem habe und an meinem Wohnort noch nicht so viele enge Freunde, die mir Halt geben. So kann und will und werde ich auf Dauer nicht leben, denn kein Zoom-Call kann Crew Love ersetzen.

Ich habe diese Woche mit meinen Kolleg*innen viel zur Frage der Systemrelevanz gearbeitet. Was ist dich – ganz persönlich oder gesellschaftlich – systemrelevant?

Natürlich sind das die Menschen und Berufsgruppen, die jetzt endlich mal ein Stück der Anerkennung bekommen, die sie jeden Tag verdienen: medizinisches Personal und Hygienepersonal, Mitarbeiter*innen im Einzelhandel, Ärzt*innen in viel zu langen Schichten, U-Bahn-Fahrer*innen, Zugbegleiter*innen, Lehrer*innen und Erzieher*innen, die die Notbetreuung am Laufen halten, damit die vorher genannten Personen weiterarbeiten können… aber im Grunde jeder Mensch, der einen Beitrag zu unserer Gesellschaft leistet und das sind wir alle, wenn wir nur die Chance dazu kriegen. (Systemrelevanz wird übrigens hoffentlich spätestens 2021 zum Unwort des Jahres gekürt.)

Alle fermentieren derzeit irgendwas oder lernen, wie man Brot mit Sauerteig backt: Was hast du diese Woche neu gelernt?

Ich präsentiere die Spezialitäten des Hauses: Bärlauchpesto (natürlich aus selbstgepflücktem Bärlauch), fermentierter Blumenkohl und fermentierte Karotten, verschiedene Arten Kimchi und Wasserkefir-Limonade mit Orangen-Ingwer-Geschmack. Noch Fragen?

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