Corona-Fragebogen #11

Als wir am 18. März 2020 die inzwischen als historisch bewertete Ansprache von Bundeskanzlerin Angela Merkel miterlebten, löste das sehr unterschiedliche Reaktionen in uns aus. Aber uns beiden war danach klar: Die Lage ist ernst und sie würde nicht innerhalb von zwei Wochen Quarantäne-Zeit vorbei sein. Mit einem Mal befanden wir uns in einer Situation, die für unsere Gesellschaft und unserer Generation ohne Beispiel ist.

Zeitgleich entschieden wir, diesen Blog zu starten. Wir wollten all die lauten und leisen Gedanken, die durch unsere Köpfe schwirrten, die Erfahrungen die wir machen, festhalten. Unser Austausch wurde ganz automatisch zu einer Corona-Chronik.

Jeden Freitag stellen wir uns nun gegenseitig drei Fragen und veröffentlichen sie anschließend auf partesprototo – zur aktuellen Situation und zu unserem eigenen emotionalen Zustand.

Drei Fragen am… 04.06.2020

Laura, wie war die Woche?

Wohl eher die beiden Wochen. Mental anstrengend und körperlich entspannend würde ich sagen – auf der einen Seite konnte ich ein paar Tage frei machen, in die Berge fahren, so etwas wie Urlaub fühlen, in Berlin Zeit mit meinen Freunden verbringen, auch mal wieder in der Gruppe, was ich viel mehr genieße, als Leute nur einzeln zu treffen – Momente der Leichtigkeit eben. Zum anderen belasten mich die Nachrichten, die einen aus dem Rest der Welt, vor allem aus Lateinamerika erreichen, wo es jetzt erst so richtig losgeht, sehr – dann die Proteste nach dem Tod von George Floyd, die auch hier in Deutschland das Thema Rassismus wieder stärker an die Öffentlichkeit zerren… Und hier haben wir außerdem das zunehmende Problem mit diesen Hygienikern und Verschwörungstheoretikern, die sich mit Preppern und Rechten verbünden – ich hab manchmal das Gefühl, mit platzt der Kopf, von Dingen, gegen die man “eigentlich was machen müsste” – wie eine niemals enden wollende Polit-To-Do-Liste. Und dann fühlt es sich plötzlich falsch an, seelenruhig am See zu liegen, wenn man das Gefühl hat, die Welt brennt gerade an allen Enden.

Wir haben tatsächlich letzte Woche einfach vergessen, uns gegenseitig Fragen zu stellen. Woran, denkst du, liegt das? Ist Corona schon vorbei?

Haha. Also, ich denken nicht, dass Corona jemals “vorbei” sein wird – auch wenn es irgendwann einen Impfstoff dagegen geben wird, so werden wir doch von nun an mit diesem Virus leben müssen. Und genau das fangen wir an, nun langsam zu lernen. Auch bei außergewöhnlichen Situationen, Katastrophen, gewöhnen wir uns irgendwann an die Situation – “Das Neue Normal”, von dem ja schon länger geredet wird. Irgendwann ist Corona und die gesundheitliche Bedrohung eben nicht mehr das einzige Thema, das die Menschen umtreibt und das ist gut so. Themen wie die ungleichen Auswirkungen der Krise, die Frage um die Zukunft Europas, wie man den wirtschaftlichen Effekten der Krise begegnen soll und welche Prioritäten dabei gesetzt werden sollen, werden jetzt genauso wieder thematisiert wie Probleme, die auch vor Corona schon kacke waren und die zum Glück jetzt wieder stärker zurück in den Fokus rücken – die Klimakrise, Rassismus, die immer noch fehlende Gleichheit der Geschlechter… Corona ist eben nicht alles und wird jetzt wieder klar. Es ist ja auch total absurd, sich nur die ganze Zeit auf eine Bedrohung oder ein Problem zhu konzentrieren, als ob alle anderen dadurch hinfällig wären. Und da bin ich total froh drum.

Aber ja, auf persönlicher Ebene hat man schon manchmal den Eindruck, Corona sei “vorbei”, so normal fühlt sich das Leben streckenweise wieder an – in Frankfurt haben sogar Bars wieder geöffnet! Es gab die ganze Woche Black Lives Matter-Demos mit richtig vielen Menschen! Man kann ins Restaurant gehen! Fünf Leute auf einmal sehen! Aber das ist natürlich Quatsch und man muss sich immer wieder selbst ermahnen, nicht übermütig zu werden, sonst geht’s schnell nach hinten los, so wie die 3.000 Menschen auf der Schlauchboot-Party / Demo-Rave letztes Wochenende in Berlin.

Während wir auf ein vertrauteres Miteinander mit weniger Beschränkungen zusteuern: Was hat dich in den letzten zwei Wochen überrascht?

Also, am allermeisten hat mich überrascht, dass es mit dem Konjunkturprogramm der Bundesregierung keine Abwrackprämie 2.0 geben wird. Das hätte ich wirklich nicht gedacht. Also ich will damit nicht sagen, dass an diesem Konjunkturpaket alles supi ist, aber ich hätte echt gedacht, dass da wieder ein unsäglicher, rückwärtsgewandter Schwachsinn bei rauskommt.

Aber eigentlich hat mich die Politik die letzten Wochen kontinuierlich positiv überrascht: Erst Corona-Bonds, dann keine Abwrackprämie 2.0, sogar die CDU-Fraktion betont, dass das Konjunkturpaket die Klimaeffekte von bestimmten Förderungen in den Blick nehmen muss – die Versammluingsfreiheit ist de facto fast komplett wieder hergestellt, etwas, das ich im März und April ja wirklich nicht geglaubt hätte, vor allem als die Polizei die “Seebrücke”-Demo in Frankfurt so völlig unverhältnismäßig aufgelöst hat, obwohl es in Hessen de jure nicht verboten war, Kundgebungen abzuhalten. Ich dachte, ja nice, so ne Pandemie ist ‘ne 1A-Legitimation zur künftigen Unterdrückung von linken Protesten und die Entwicklungen der letzten Jahre, vor allem die Verschärfung der Repressionen durch die neuen Polizeiaufgabengesetze, die in vielen Bundesländern verabschiedet worden sind, wiesen ja auch in diese Richtung.

Mein Misstrauen in unsere gewählten politschen Vertreter*innen hat sich nicht bestätigt und das hat mich ziemlich überrascht. Eigentlich voll schön.

Jana, wie war die Woche?

Turbulent. Bei mir ist privat vieles passiert – wir beide haben uns zum Beispiel nach Wochen endlich mal wieder gesehen, juhu! Und wir fangen gerade mit ganz konkreten Drehvorbereitungen für Juli an. Das freut mich wahnsinnig, bedeutet aber gleichzeitig neue Herausforderungen: Auch wir müssen ja den Infektionsschutz gewährleisten und Abstandregeln einhalten. Das wird spannend!

Wir haben zweimal fast verpasst uns gegenseitig Fragen zu stellen. Woran denkst du, liegt das? Ist Corona schon vorbei?

Uns diese Frage zu stellen, finde ich an diesem Punkt genau richtig. Denn die Regeln, die Erwartungen und die Realität verschwimmen total.
Wir leben in Woche Fünf der Lockerungen der Kontaktsperre (wir erinnern uns: die Regel mit den zwei Haushalten), in Woche Drei bzw. Vier der geöffneten Gastronomie (wir erinnern uns: eigentlich müssten wir in Innenräumen Masken tragen), in circa zehn Tagen öffnen sogar die innereuropäischen Grenzen.
Die leider sehr ungeschickt angesetzte und völlig ausgeuferte Schlauchboot-Demo auf dem Landwehrkanal in Berlin am Pfingstwochenende zeigt, dass die Menschen unvernünftig werden. Verständlich, dass sie nach Spaß und Vergnügen lechzen – leider bringt das der Kultur, für die sie demonstrieren wollten, rein gar nichts außer Unverständnis.

Natürlich genieße auch ich es, mich wieder freier bewegen zu können – auch wenn ich im Vergleich zu vielen anderen nie richtig eingesperrt war. Ich bin froh, dass wir wieder über andere Themen als Corona sprechen. Offenbar bin ich jetzt bereit mich ablenken zu lassen von der drohenden Katatstrophe, die mich monatelang begleitet und deprimiert hat. Glücklicherweise ist es zumindest in Deutschland gelungen, die große Pandemiewelle erfolgreich abzuschwächen. Das sind alles positive Entwicklungen für mich.

Aber: An Covid-19 sterben immer noch Menschen. Es ist ein Glücksspiel, ob und wie schwer es einen erwischt.
Keep in mind: Wir haben immer noch keinen Impfstoff und damit keine Möglichkeit, uns effektiv gegen Corona zu schützen. Die Gefahr ist also nicht gebannt, sie fühlt sich nur beherrschbarer an.

Ihre wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen fangen zudem grade erst an! Corona hat soziale Missstände katalysiert, die schon lange vorher da waren: soziale Ungleichheit und Diskriminierung, Sexismus, Rassismus, Klassismus, Ageism.
Auch die BlackLivesMatter-Bewegung war schon vorher da – aus trauriger Notwendigkeit. Dass sich nun Menschen auf der ganzen Welt mit ihr solidarisieren und ein Ende von Polizeigewalt und strukturellem Rassismus fordern, setzt hoffentlich eine Debatte und Politiken gegen strukturellen Rassismus und andere -ismen in JEDER Gesellschaft in Gang.

Mein Fazit: Corona ist nicht vorbei und mit partesprototo sollten wir auf jeden Fall auch weitermachen! Es gibt viel zu diskutieren.

Welcher Text / Artikel hat dich in letzten zwei Wochen besonders bewegt?

Wenn ich es eingrenzen soll: Das Buch „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“ von der großartigen Alice Hasters. Ich hab es im Herbst gelesen, aber jetzt wieder rausgekramt und freu mich sehr, dass sie gerade zu einer der führenden Stimmen von BlPOC in Deutschland wird. Ich kann ihr Buch nur JEDER/M empfehlen!
Es ist einerseits sehr gut recherchiert und bietet trotzdem einen niedrigschwelligen Einstieg in das Thema. On top ist es sehr persönlich und vorurteilsfrei geschrieben, trotz Alice’s verständlicher Wut. Must read, besonders jetzt!

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