Corona-Fragebogen #10

Als wir am 18. März 2020 die inzwischen als historisch bewertete Ansprache von Bundeskanzlerin Angela Merkel miterlebten, löste das sehr unterschiedliche Reaktionen in uns aus. Aber uns beiden war danach klar: Die Lage ist ernst und sie würde nicht innerhalb von zwei Wochen Quarantäne-Zeit vorbei sein. Mit einem Mal befanden wir uns in einer Situation, die für unsere Gesellschaft und unserer Generation ohne Beispiel ist.

Zeitgleich entschieden wir, diesen Blog zu starten. Wir wollten all die lauten und leisen Gedanken, die durch unsere Köpfe schwirrten, die Erfahrungen die wir machen, festhalten. Unser Austausch wurde ganz automatisch zu einer Corona-Chronik.

Jeden Freitag stellen wir uns nun gegenseitig drei Fragen – zur aktuellen Situation und zu unserem eigenen emotionalen Zustand.

Drei Fragen am… 22.05.2020

Jana, wie war die Woche?

Etwas paradox: Jetzt, da die ersten Lockerungen wirken, habe ich mich zum ersten Mal einsam gefühlt und gespürt, wie weit weg wir von einem normalen Leben sind.
In den wiedereröffneten Restaurants und Cafés Selbstbedienung, verzehrt wird aus Wegwerfgeschirr, das wir aus Umweltschutzgründen gerade aus unserem Alltag verbannt hatten. Wir wissen inzwischen, dass der Virus hauptsächlich über Aerosole übertragen wird. Sich in Läden aufzuhalten, fühlt sich also trotz Mundnasenschutz irgendwie unangenehm an.
In zwei Wochen fange ich wieder an zu arbeiten – aus dem Homeoffice und unter maximalen Sicherheitsauflagen, ohne direkten Kontakt zu Kolleg*innen.
Und schließlich haben alle ihre Corona-Routinen dermaßen inkorporiert, dass zumindest ich meine Freund*innen nicht so oft sehe, wie ich gerade möchte. Die Einzeldates sind einfach alle ausgebucht, für Spontaneität ist kein Raum mehr da. Das macht mich ziemlich traurig, irgendwie.

Seit Wochen rückt neben dem alles dominierenden Thema Corona vor allem ein Thema in den medialen Fokus – die Proteste gegen die Maßnahmen zur Eindämmung. Lustigerweise genau in dem Moment, als die ersten Lockerungen beschlossen wurden. Die Kommentator*innen sind einigermaßen ratlos, wie diese Proteste einzuschätzen sind, wie ist denn deine Meinung dazu? Spinner, die man verloren geben sollte oder “besorgte Bürger” mit denen es sich lohnt, zu reden (hat ja bei Pegida auch schon super geklappt)?

Die Antwort fällt mir nicht leicht. Ich habe vor allem die Debatte um die „Nicht ohne uns“-Demos aka Hygienedemos aka Querfrontdemos vor der Berliner Volksbühne verfolgt und finde, sie ist exemplarisch: Anfangs haben die Demonstrant*innen in ihrer Wochenzeitung als Redaktionssitz die Adresse Volksbühne angegeben. Sie haben also versucht, eine urdemokratische Kulturinstitution für sich zu instrumentalisieren und sich so Glaubwürdigkeit zu geben. Das Haus hat sich recht schnell distanziert. Dann wurde aus der liberalen Ecke vermutet, die Menschen auf der Straße seien dieselben, die mit der Besetzung der Volksbühne vor drei Jahren Intendant Chris Dercon aus der Stadt jagten – so wurde die Besetzung, mit der das Theater als demokratischer Kunstraum zurückerobert werden sollte, nachträglich in Misskredit gezogen. Dann haben sich die anti-rassistischen, anti-sexistischen und demokratischen Künstlerkollektive Die Vielen und Staub zu Glitzer, die klar mit der Besetzung assoziiert sind, von den Demonstrierenden distanziert und langsam bildete sich etwas Klarheit: Das ist eine fragwürdige Mischpoke, vor allem aus Verschwörungstheoretiker*innen und AfD-Anhänger*innen, die sich da Wochenende für Wochenende in den Innenstädten versammelt – und dabei auch von jungen Familien aus dem Öko-Läger, unbedarften Bürger*innen und Esoteriker*innen unterstützt wird. Die Krönung ist die Kontroverse um Attila Hildmann – und dass sich Oliver Pocher plötzlich zum Enthüllungsreporter aufschwingt.

Die Pegida-Erfahrung zeigt: Demokratischer Diskurs ist unabdingbar, wir müssen Verschwörungstheorien entschlossen entgegentreten (interessant: die Extinction Rebellion besetzt da unter #zueinfach gerade ein neues Politikfeld für sich) und so vielleicht die Unbedarften wieder einfangen, aber auch die nötige Distanz wahren, um den Überblick zu behalten. Wir dürfen nicht wieder den Fehler machen, uns von Rechten (und/ oder Spinnern) den Diskurs diktieren zu lassen – oder uns das wichtigste Mittel des demokratischen und linken Protests wegnehmen zu lassen: die Straße!

Worauf freust du dich diese Woche besonders?

Ich freue mich auf nächste Woche, denn da sehe ich nach einem halben Jahr meine Mutter wieder.

Laura, wie war die Woche?

Ich hatte das erste mal seit… – Anfang März? – das Gefühl, mein Alltag ist annähernd wieder normal: Ich habe mich mit Leuten verabredet, einfach so; politische Aktionen waren wieder möglich, zum langen Wochenende bin ich zu meinen Eltern gefahren und in die Berge gegangen, was in Bayern absurderweise ja auch nicht erlaubt war… Und gleichzeitig ist es total weird, jetzt einfach wieder da anzuknüpfen, wo man Mitte März aufgehört hat und normalen Dingen nachzugehen, als hätte es all die Infizierten, das “dynamische Infektionsgeschehen”, das alles nie gegeben – ich war im Biergarten und das war total schön, aber gleichzeitig auch echt schräg. Ich dachte, das wird total der Befreiungsschlag, aber das wars nicht.

Was weiterhin leider wie eine dunkle Wolke über mit hängt, ist die (nicht vorhandene) Perspektive internationaler Reisen. Ich muss spätestens Ende dieses Jahres / Anfang nächsten Jahres meine Forschungen machen, sonst kann ich meine Arbeit knicken. Und auf internationaler Ebene scheint sich nichts zu tun, im Gegenteil, in Lateinamerika geht es jetzt erst so richtig los. Ich muss mich echt zusammenreißen, nicht total frustriert zu werden und an der Ungerechtigkeit der Welt zu verzweifeln. Da helfen auch die 6 Jahre Yogapraxis nicht, angesichts dieser Aussicht entspannt zu bleiben xD

Diese Woche sind spannende Dinge passiert, die vor Corona sehr unwahrscheinlich schienen: Der Staat steigt bei der Lufthansa ein. Die Arbeitsbedingungen auf Schlachthöfen werden stärker reglementiert. Merkel und Macron schlagen einen Wiederaufbauplan für die EU vor, der, sehr vereinfacht ausgedrückt, gemeinschaftliches Leihen von Geld für einzelne EU-Staaten möglich macht. Schleicht da die Sozialwende durch die Hintertür?

Oha, steile These! Ich würde dagegenhalten und sagen: Hier wird lediglich alles getan, um das bestehende System zu stabilisieren. “Coronabonds” um die EU als wichtigsten Absatzmarkt für deutsche Produkte vor dem Implodieren zu bewahren. Eine wirkliche Perspektive für europäische Solidarität fehlt da aus meiner Sicht. Und Widerstand regt sich ja auch schon von einigen Ländern. Der Einstieg der Bundes bei der Lufthansa ist jetzt ja auch nicht so der super Deal: Einfluss auf unternehmerische Entscheidung kann mit den 20 Prozent Anteilen, die der Staat dann hielte, nicht genommen werden – eine Rettung durch staatliche Gelder muss aber meiner Meinung nach immer an Bedingungen geknüpft sein, die der Gesellschaft zugute kommen. Im Fall des Flugverkehrs ist das ja eher schwierig, aber auch hier könnte man Auflagen im Hinblick auf Klimafolgen machen. Was die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie angeht – also man weiß ja nicht erst seit gestern um die Zustände in Schlachthöfen und fleischverarbeitenden Betrieben. Diese Missstände werden seit Jahren von Aktivist*innen angeprangert, auf den “Wir haben es satt”-Demos, wo Menschen ein Umdenken in der Landwirtschaft fordern, waren in den letzten Jahren regelmäßig mehrere Hunderttausend Menschen. Nichts hat sich verändert. Wenn Corona jetzt dazu beiträgt, dass sich diese menschenverachtenden Zustände ändern, hat das wenigsten ein Gutes. Die Frage ist, wie nachhaltig das ist. Die Situation ist ja nicht nur so in der fleischverarbeitenden Industrie, sondern in vielen Bereichen der Landwirtschaft. Die Mitarbeiter*innen eines Spargelhofs in Bornheim (NRW) streiken z.B. gerade gegen ähnliche Missstände, vor allem die miserablen Unterbringungssituation in Gemeinschaftsunterkünften.

Also zu deiner Frage, ob ich glaube, dass das die Sozialwende durch die Hintertür ist, muss ich leider sagen: Eine Schwalbe macht eben noch keinen Sommer. Wirklich zukunftsweisende und notwendige Themen, die in den nächsten Jahren ohnehin auf uns als Gesellschaft zukommen, wie z.B. ein bedingungsloses Grundeinkommen, die Frage, wie man die Gewinne der Digitalökonomie vergesellschaften kann, etc., werden nämlich weiterhin nicht diskutiert. Dabei wäre jetzt der Zeitpunkt, die Weichen zu stellen und mit einem “Bouncing Forward” aus der Krise herauszukommen.

Diese Woche ist außerdem eine dieser Mai-Feiertagswochen, auf die wir uns sonst immer so freuen. Nimmst du das wahr oder sind die Wochen für dich so breiig wie für mich?

Zum Glück nicht! Ich hab mir eine vorgezogene Sommerfrische in Bayern gegönnt, das war eine willkommene Abwechslung. War aber auch notwendig, ich brauchte dringend Tapetenwechsel nach den Wochen des Stillstands.

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